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Seit
dem 9. Jahrhundert v. Chr. ist das lettische Territorium bewohnt.
Baltische Stämme unter der Herrschaft lokaler Stammesfürsten
siedeln sich dort in der ersten Hälfte des 2. Jahrhundert
v. Chr. an und betreiben regen Handel. Das lettische Territorium
war früh Knotenpunkt wichtiger Handelswege. Anfang unserer
Zeitrechnung verband es Skandinavien mit Russland und Byzanz
sowie den Küsten Südeuropas. Ein besonders begehrtes
Handelsgut war Bernstein. Die baltische Küste war weit
in den Kontinent hinein als bernsteinreich bekannt. Von der
Ostseeküste stammender Bernstein wurde in der Juwelierkunst
und als Tauschmittel im alten Ägypten, Asyrien, Griechenland
und im römischen Imperium verwandt und war mancherorts
wertvoller als Gold. Heute hat der Bernstein seine wirtschaftliche
Bedeutung weitgehend verloren und wird vorwiegend als Schmuckstück
verarbeitet. Dennoch gehört er zu den nationalen Symbolen
Lettlands.
Wegen
der günstigen geografischen Lage war das lettische Territorium
begehrt und umkämpft. Im Laufe des 12. Jahrhunderts gerieten
die baltischen Stämme zunehmend in den Einflussbereich
westeuropäischer Kaufleute und christlicher Missionare,
deren Vorhaben die Christianisierung der ansässigen heidnischen
baltischen und finno ugrischen Stämme war. Die
Eroberung Lettlands begann unter Erzherzog Albert I. von Buxhoeveden
Bremen, der zu diesem Zweck 1202 in Riga den Schwertbrüderorden
gründete und war 1217 abgeschlossen. Das nunmehr unter
deutscher Herrschaft befindliche Territorium wurde unter dem
Namen Livland zu einer Konföderation zusammengefasst.
1558 gerät das lettische Gebiet unter polnische Herrschaft,
1629 im Zuge des polnisch schwedischen Krieges fällt
es an Schweden. Der Nordische Krieg Anfang des 18. Jahrhunderts
bringt einen erneuten Herrschaftswechsel. Unter Zar Peter
I. wird Lettland russische Provinz, 1801 russisches Generalgouvernement.
Ähnlich wie in anderen Teilen Europas erwacht Anfang
des 19. Jahrhunderts bei den Letten das nationale Selbstbewusstsein.
Die ersten Zeitungen in lettischer Sprache erscheinen. Anfang
des 20. Jahrhunderts wird der Ruf nach einem unabhängigen
Staat immer lauter. Kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges
wird am 18.11.1918 die lettische Republik proklamiert. Die
internationale Staatengemeinschaft erkennt Lettlands Unabhängigkeit
1921 an. Im selben Jahr wird Lettland Mitglied im Völkerbund.
Die Unabhängigkeit ist jedoch nur von kurzer Dauer. Im
Zuge der Unterzeichnung des "Hitler Stalin
Paktes" im August 1939 wird Lettland in einer geheimen
Vereinbarung der Sowjetunion zugesprochen. 1940 besetzen Truppen
der Roten Armee lettisches Territorium, wenige Monate später
wird Lettland in die UDSSR eingegliedert. Fast 120.000 Letten
werden verhaftet und in sowjetischen Konzentrationslagern
interniert, 43.000 nach Sibirien verschleppt. In Lettland
wird mit einer Russifizierungskampagne begonnen, der Gebrauch
der lettischen Sprache verboten.
Im Zuge des Politikwechsels Gorbatschows Ende der 80er Jahre
nutzt Lettland die Gelegenheit verschiedene gesellschaftlich
politische Organisationen zu gründen, die für
die Wiederherstellung der Unabhängigkeit eintraten. Den
50. Jahrestages des "HitlerStalinPaktes"
den 23. 8. 1989 nutzt die Bevölkerung Lettlands, Litauens
und Estlands um ihr Anliegen spektakulär zu demonstrieren:
eine 600km lange Menschenkette reicht von Tallinn über
Riga bis Vilnius. 1990 schließlich erklärte Lettland
seine Unabhängigkeit, die 1991 von der Sowjetunion und
den westlichen Demokratien anerkannt wird. Kurz darauf wird
Lettland Mitglied der UNO und beginnt damit seine Wiedereingliederung
in die Gemeinschaft demokratischer Staaten.
Blickt man auf die wechselvolle Geschichte Lettlands, so
überrascht es nicht, dass die Letten lange eine skeptische
Haltung gegenüber der Eingliederung in die EU einnahmen.
Als letztes der zehn Beitrittskandidaten stimmte Lettland
im September 2003 mit 67% der abgegebenen Stimmen für
einen EU Beitritt. Mit einer Kampagne "Steh nicht
abseits" versuchte die lettische Regierung die Zweifel
der Bevölkerung zu zerstreuen und die Schreckensvision
von Brüssel als "neuem Moskau" zu vertreiben.
Ministerpräsident Repse sprach in zahlreichen Interviews
von einer "Entscheidung für die Zukunft". Staatspräsidentin
VikeFreiberga warb für "die Rückkehr
in die europäische Familie". Auch aus dem Ausland
reiste tatkräftige Unterstützung an. Kurz vor dem
lettischen Referendum traten die drei baltischen Staats- und
Regierungschefs gemeinsam auf, um das gemeinsame "Ja"
der baltischen Länder zu unterstreichen.
Besonders groß waren die Befürchtungen in der
Bevölkerung, das große Gebilde EU könnte die
kulturelle Identität des Landes verschlucken. Auf ihre
eigene Kultur, die sie trotz zahlreicher Fremdherrschaften
behauptet haben, sind die Letten besonders stolz. Vor allem
die Volksliedertradition ist das wichtigste Symbol für
die Selbstidentifikation der Nation.
Die
zentrale Rolle des lettischen Volksliedes oder der sogenannten
Daina für die lettische Identität brachte die Staatspräsidentin
VikeFreiberga auf den Punkt:
"Es muss bemerkt werden, dass für den Letten
die Daina mehr bedeuten, als nur eine literarische Tradition.
Sie sind für ihn die Verkörperung des von Vorvätern
überlieferten kulturellen Erbes, denen die Geschichte
greifbarere Ausdrucksformen verweigerte. Diese Lieder bilden
die Grundlage der lettischen Identität und Singen wird
zu einer identifizierbaren Eigenschaft des Letten."
Das Archiv für Lettische Folklore kennt 1,2 Millionen
Texte und 30.000 Melodien, die teilweise über tausend
Jahre alt sind. Sängerfeste haben in Lettland eine lange
Tradition und gehen bis 1873 zurück. Das kollektive öffentliche
Singen als ein symbolischer Ausdruck des gemeinsamen nationalen
Selbstbewusstseins ist eine beständige Tradition der
lettischen Kultur. Auch deshalb wurden die politischen Umwälzungen,
die in der Unabhängigkeit Lettlands von der Sowjetunion
endeten, auch "Singende Revolution" genannt. Heute
sind die lettischen Sängerfeste eine kulturelle Veranstaltung,
die Besucher aus aller Welt anziehen.
Neben dem Liedgut fühlen sich die Letten tief mit der
Natur verbunden. Neben der Hymne, der Fahne und dem Wappen
gelten bestimmte Tier und Pflanzen als nationale Symbole.
Es gibt ein nationales Insekt (der Marienkäfer), eine
nationale Blume (die Wucherblume), nationale Bäume (Linde
und Eiche) sowie den nationalen Vogel (die Bachstelze). Die
meisten Symbole sind dabei eng mit mythologischen Geschichten
verbunden. So ist die lettische Bezeichnung des Marienkäfers,
marite, ein Synonym für die vorgeschichtliche lettische
Göttin Mara, die die Verkörperung der Kraft der
Erde darstellt.
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