Geschichten über die Zukunft
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Bundesstaat oder Freihandelszone
Wird Europa einmal ein Bundesstaat werden oder im Gezänk
der Mitgliedstaaten und angesichts schwindenden Vertrauens der Bürger
zurückschrumpfen? Nachfolgend findet Ihr zwei unterschiedliche
Kurz-Szenarien zur künftigen Entwicklung Europas.
Szenario 1: Vertrauenskrise
Die zunehmende Entfremdung zwischen EU-Politik und Bürgern
führt angetrieben durch verschiedene Fälle von
Politikversagen zu einer elementaren Vertrauenskrise gegenüber
der EU. Aufgrund der Selbstverständlichkeit von Frieden und
Bewegungsfreiheit lassen sich die Vorteile der europäischen
Integration nur noch schwer vermitteln; die Vorschläge des
Konvents für einen europäischen Verfassungsvertrag versanden;
die Regierungskonferenz 2003/04 kapituliert vor der Vielzahl und
Widersprüchlichkeit der Ansprüche der EU-Mitgliedstaaten;
letztlich kommt es zu einer Minimalreform nach dem Strickmuster
der traditionellen Gipfeldiplomatie.
Gleichzeitig wird die Erweiterung zügig vorangetrieben; die
wirtschaftlichen Unterschiede und Verteilungskämpfe nehmen
zu. Im Ergebnis sind die Akteure europäischer Politik unfähig,
das System auf neue Integrationsstufe zu heben, um auf die veränderte
Situation eines größeren und vielfältigeren Europas
zu reagieren. Die Wahlbeteiligung 2004 und 2009 sinkt noch im Vergleich
zur Wahl 1999 auf durchschnittlich weniger als 30 Prozent. Ein zunehmender
Regionalismus und Narzismus der kleinen Unterschiede
in den Mitgliedstaaten und eine nach wie vor begrenzte Mobilität
der EU-Bürger (lediglich 2 Prozent leben in einem anderen Mitgliedstaat)
prägen das Bild.
Die Dominanz nationaler Entscheidungskalküle im EU-Entscheidungsprozess
nimmt zu. Die Überwindung der jahrzehntelangen Trennung von
West- und Osteuropa kann nicht geschafft werden zu groß
sind die wirtschaftlichen Unterschiede und Mentalitäten. So
gewinnt in den wohlhabenderen Mitgliedstaaten die Debatte um die
Kosten der Mitgliedschaft an Schärfe; in den wirtschaftlich
schwächeren neuen Mitgliedstaaten rücken Bürokratismus
und Überregulierung der europäischen Politik in den Fokus
der öffentlichen Debatte und werden gegen den Integrationsprozess
ins Feld geführt.
Viele Stimmen in den Ländern Mittel- und Osteuropas, und prangern
den "Aufkauf ihres Landes" durch westliche Investoren
an. Den einen "zu teuer", den anderen "zu ungerecht",
gewinnen in allen Ländern der EU (neue) rechtspopulistische
Parteien und Anti-NGOs als Gegenentwürfe
zu Europa an Einfluss. Ein dramatischer Lebensmittelskandal (größer
als die BSE-Krise am Anfang des Jahrhunderts) wird von den Medien
hochstilisiert und dem Versagen europäischer Politik zugeschrieben.
Es kommt zu einem Aufruf zahlreicher Gruppierungen und neuer Koalitionen
zum Wahlboykott der EP-Wahl 2014; im selben Jahr findet in der Slowakei
ein Referendum über den Austritt des Landes aus der EU statt.
Szenario 2: Bundesstaat Europa
Die wachsenden Informationsangebote und die zunehmende Transparenz
der EU-Organe führen zu einer intensiveren öffentlichen
Auseinandersetzung mit europäischen Themen; die Mobilität
im Binnenmarkt nimmt nicht zuletzt aufgrund Veränderungen der
Lebensentwürfe der Europäer und am Arbeitsmarkt deutlich
zu. Ende 2004 fand die Regierungskonferenz mit der weitgehenden
Annahme des Verfassungsentwurfes des EU-Konvents zur Zukunft Europas
für einen Verfassungsvertrag auf einem historischen Gipfel
der EU-Staats- und Regierungschefs ihren Abschluss.
Das politische System der EU wird einem Zweikammersystem angeglichen,
in dem EP und Rat in allen Fragen gleichberechtigt entscheiden,
und die Kommission wird künftig aus dem EP heraus gewählt;
die Gleichheit der Mitgliedstaaten wird in Richtung der Gleichheit
der Bürger verändert, u.a. durch die Annahme des Vorschlags
des EP, europäische Parteien und ein einheitliches Wahlsystem
zu verwirklichen; 2009 wird nach eindrucksvollem Wahlkampf die neue
Kommissionspräsidentin vom EP gewählt und vom Rat bestätigt.
Die enge Vernetzung der europäischen Gesellschaften wird von
breiten Teilen der EU-Bevölkerung wahrgenommen; es bildet sich
eine europäisierte Medienlandschaft heraus der europäische
Nachrichtensender Euronews entwickelt sich bis 2009 zur Nummer Eins
bei den Abendnachrichten, noch vor den nationalen Sendungen. Zunehmende
äußere Herausforderungen stärken das Bewusstsein
für die europäische Schicksalsgemeinschaft
und die Bereitschaft zu weitergehenden Integrationsschritten.
Vielfältige Initiativen etwa im Umweltbereich
sowie grenzüberschreitende Kooperationen von Regionen und Gemeinden
tragen zu einer Europäisierung von unten bei. Europa findet
auch in der weltpolitischen Arena zu einer gemeinsamen Stimme. Die
EU-Bürger erwarten sich von der EU ein Gegengewicht zur USA,
die ihre unilaterale Vormachtspolitik in der zweiten Amtszeit von
G.W. Bush auf die Spitze getrieben hat. Umwelt- und Lebensmittelkrisen
werden als interne Herausforderungen begriffen und die zuständigen
Behörden/Köpfe zur Verantwortung gezogen.
Die Zahl der Mitgliedstaaten beträgt im Jahr 2015 29. Zwar
konnte die Türkei schließlich 2013 nach zähen Verhandlungen
aufgenommen werden gleichzeitig mit Kroatien. Die Verhandlungen
mit weiteren Bewerberländern vollziehen sich jedoch schleppend
und verzögern sich immer wieder. Auch wenn die Menschen und
Politiker es nicht so nennen, die Europäische Union ist dabei,
zu einem Bundesstaat zu werden.
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