Linda, Jerzy und Hatice Geschichte auf europäisch
Frau Gote, Sie sind für die
Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im bayerischen
Landtag sowohl jugendpolitische Sprecherin und vertreten
dort zudem ihre Faktion im Ausschuss für Europa- und
Bundesangelegenheiten. Wie könnten die Einstellungen
heutiger Jugendlicher das Europa von morgen prägen?
Welche Werte braucht eine Union der 27 oder mehr Mitgliedstaaten?
Und welche Veränderungen in der Europäischen Union
erhoffen Sie sich persönlich in den kommenden Jahren?
Natürlich können Sie es handelt sich hier
ja schließlich um einen Geschichtenwettbewerb
Ihre Gedanken auch in einer Geschichte verpacken.
Linda, Jerzy und Hatice Geschichte
auf Europäisch
Von Ulrike Gote, MdL
"Was soll uns das heute noch bringen,
"Geschichte der EU" wenn ich das schon
höre. Dass die damals keine anderen Sorgen hatten?",
tippt Linda genervt in ihren Computer. Dreimal die Woche
trifft sie sich mit Jerzy und Hatice zum Chat. Alle drei
besuchen weiterführende Schulen in ihren Heimatländern
Polen, Türkei und Deutschland. Sie sind 16 Jahre alt
und in einem Jahr endlich fertig mit der Schule. Seit 10
Jahren gibt es in der EU nun flächendeckend diesen
virtuellen Projektunterricht, an dem jeweils drei Schulen
beteiligt sind. Geschichte gehört ohne Zweifel nicht
zu den Lieblingsfächern der drei Jugendlichen. Der
kleingeistige Dauerstreit um Agrarsubventionen und Regionalfördermittel
hatte um die Jahrhundertwende herum dazu geführt, dass
die Bürger und Bürgerinnen Europas allmählich
das Interesse am Projekt Europa verloren. Dies zeigte sich
vor allem in der äußerst niedrigen Wahlbeteiligung
bei den Europawahlen 1999 und 200Die langwierige Diskussion
um eine Verfassung für Europa war erneut ins Stocken
geraten. Hinzu kam, dass nach einem schweren Terroranschlag
in den USA im Jahr 2001 viele Menschen eine diffuse Angst
vor terroristischen Anschlägen hatten. Der Krieg der
USA gegen den Irak wurde zu einer Zerreißprobe für
die Europäische Union. "Versteht Ihr eigentlich,
warum die Briten 2006 aus der EU ausgetreten sind?",
fragt Jerzy. "Die hatten doch schon immer Probleme
mit Europa. Die haben ja sogar ihr Pfund behalten, anstatt
den Euro einzuführen", erklärt Hatice, "
ich glaube, die hatten Angst, sich in der wachsenden Europäischen
Union nicht mehr wieder zu finden nachdem nun in
der EU alle Englisch sprechen."
Hatice Sahin ist in Deutschland aufgewachsen,
genauer gesagt in Bayern. Erst im letzten Jahr ist sie mit
ihrer Familie nach Istanbul gezogen. Für Hatices Eltern
war der Beitritt der EU vor drei Jahren ganz wichtig. Bis
dahin, so sagen Sie, hätten sie nirgendwo richtig hingehört.
"In Ingolstadt waren wir die Türken und in der
Türkei haben sie uns Deutsche genannt. Jetzt gehören
wir endlich auch dazu.", auf diesen kurzen Nenner bringt
es Hatices Vater. Er arbeitet als Ingenieur bei Audi. Bereits
drei Jahre vor dem Beitritt der EU hat Audi damit begonnen,
in Istanbul ein neues Werk aufzubauen. Leute wie Herr Sahin
sind nun gesuchte Spezialisten auf ihren Arbeitsfeld, weil
sie sowohl in der türkischen wie in der deutschen Kultur
verwurzelt sind. Hatice hatte anfangs Schwierigkeiten mit
der türkischen Sprache. Zum Glück werden wie in
allen europäischen Ländern einige Fächer
auch in Englisch unterrichtet. Hatice weiß genau,
dass sie nicht in der Türkei studieren will. "Ich
will auf jeden Fall zurück nach Deutschland zum Studieren.
Ob ich Türkin bin oder Deutsche? Das weiß ich
gar nicht so genau. Aber München gefällt mir.
Und hier fehlt mir das Skifahren und der Leberkäs."
Jerzy hat ganz andere Pläne. Er will
nach der Schule erst mal für ein Jahr zum Europäischen
Friedensdienst. Jerzy ist ein Grüner. Mit 14 Jahren
wurde er bereits Mitglied bei den Jungen Grünen Europas.
Die Grünen waren die ersten, die offiziell eine europäische
Partei gegründet haben. Seit letztem Jahr ist Jerzy
im Leitungsteam seiner Partei. Er hat gute Kontakte in alle
Länder der EU. Er ist fast ständig unterwegs auf
irgendwelchen europäischen Treffen und Konferenzen.
Bei seinen Freundinnen und Freunden in Polen erntet er damit
meist nur Kopfschütteln. Die hängen lieber im
Internet-House rum und verbringen ihre gesamte Freizeit
im Chat-Room oder beim Sport. Unterstützung erhält
Jerzy jedoch von seinen Eltern: Die haben sich vor 17 Jahren
in Porto Allegre in Brasilien kennengelernt, beim Weltsozialgipfel.
Jerzys Mutter ist Finnin. Damals kamen die Globalisierungs-kritikerInnen
zu großen Konferenzen zusammen. Noch heute engagieren
sich Jerzys Eltern bei attac. Denen fehlt mittlerweile übrigens
auch der Nachwuchs. "Ein typisches Ein-Generationen-Projekt.",
urteilt Jerzy. Er will was Praktisches machen. Deshalb will
er zum Friedensdienst. Die Europäische Union bildet
seit fast 20 Jahren kontinuierlich zivile Friedenskräfte
aus. Die Einsatzgebiete dieser Kräfte liegen meist
in Afrika. "Meinen Freunden in Polen ist Afrika egal.
Dass dort immer noch Millionen von Menschen an Aids sterben
und die schlimmsten Kriege geführt werden um ein bisschen
Wasser das wissen die gar nicht", sagt Jerzy,
"die denken immer noch nur polnisch was draußen
passiert, das merken die gar nicht." Die sind mir alle
zu träge.
In drei Wochen werden sich Linda,
Jerzy und Hatice in Jerusalem treffen. Dort tagt diesmal
das europäische Jugendparlament und sie sind als Delegierte
ihrer Regionen dabei. Im Rahmen ihres Geschichtsprojekts
sollen die drei ihre MitschülerInnen über das
bevorstehende Treffen informieren. "Das Jugendparlament
ist der Versuch, die europäische Jugend für die
Politik zurückzugewinnen", erklärt Jerzy.
"Politikergeschwätz!", widerspricht Linda,
"es ist einfach cool, mit so vielen unterschiedlichen
Typen zusammen zu kommen. Total bunt alles. Aber einen tieferen
Sinn hat es natürlich auch. Denn es ist ja heiß
umstritten, ob Israel, Palästina und das übrige
Nordafrika auch zur EU gehören können. Schließlich
sind die Verhältnisse dort noch alles andere als wirklich
stabil. Bedenkt, dass Israelis und Palästinenser sich
noch bis vor vier Jahren bis aufs Messer bekämpft haben."
"Jedenfalls werde ich meinen Ibrahim wieder sehen",
mischt sich Hatice ein, "Tunesien ist zum ersten mal
als Gast beim Jugendparlament dabei und Ibrahim ist
einer von fünf Delegierten. Und wenn uns das alles
zu zäh wird, dann fahren wir nach Haifa zum Baden..."