Ausgangslage
Fragt man die Bürger Europas, die Europäische
Union für sie an erster Stelle bedeutet, so antworten
laut einer Befragung der EU-Kommission vom Frühjahr
2002 nahezu die Hälfte: "die Freiheit, überall
in der Europäischen Union reisen, studieren und arbeiten
zu können".
Gleichzeitig liegt die Wahrscheinlichkeit,
dass bei einer Eheschließung in Europa die beiden
weniger als 30 Kilometer voneinander entfernt geboren wurden,
bei 90 Prozent.
Die Herausforderung von Mobilität
und Wanderbewegungen
Das Recht auf Freizügigkeit ist ein
Grundrecht unter dem EG-Vertrag. Die europäischen Bürger
haben Zugang zur Beschäftigung in jedem Mitgliedsland
verbunden mit Aufenthaltsrecht für sie selbst und ihre
Familienmitglieder, und sie dürfen nicht wegen ihrer
Nationalität diskriminiert werden. Die Freizügigkeit
kann Umzug in ein anderes Mitgliedsland oder tägliches
oder wöchentliches grenzüberschreitendes Pendeln
bedeuten.
Trotz der bedeutenden Fortschritte bei der
Beseitigung von Hindernissen für die Freizügigkeit
der Menschen in der EU über die letzten Jahrzehnte
hinweg ist die Mobilität heute im Vergleich zu derjenigen
in den 50er und 60er Jahren sehr gering. Die heutige geographische
Mobilität zwischen den Mitgliedsländern wird auf
jährlich 0,1 bis 0,2 % der Gesamtbevölkerung geschätzt.
Darüber hinaus hängt sie nur zum Teil mit der
Beschäftigung zusammen.
Nach einer Eurobarometer-Umfrage der EU-Kommission
wechseln die EU-Bürger nicht sehr oft den Wohnort.
Durchschnittlich 38% von ihnen sind in den letzten zehn
Jahren umgezogen. Aber dieser europäische Durchschnittswert
verbirgt erhebliche Unterschiede zwischen den Mitgliedsstaaten,
mit einem deutlichen Nord-Süd- (und Irland) Gefälle.
Der Umzug in ein anderes Haus in derselben Stadt oder im
selben Dorf ist die häufigste Mobilitätsart, wobei
Umzüge mit steigender Entfernung an Häufigkeit
abnehmen. Von allen Menschen, die in den letzten zehn Jahren
mindestens einmal die Wohnung gewechselt haben, zogen 68%
innerhalb der selben Stadt, Kleinstadt oder im selben Dorf
um, aber in diesem zehn Jahren zogen weniger als 5% in ein
anderes Land der Europäischen Union und etwa der gleiche
Prozentsatz in ein anderes Land außerhalb der EU.
Die Hauptgründe für den Umzug in ein anderes Haus
sind familiärer/persönlicher Natur (54 %), gefolgt
von der Wohnungssituation (18 %) und mit der Arbeit zusammenhängenden
Gründen (15 %). Untersuchungen in den USA sind bei
der Betrachtung der Gründe für Umzüge zu
ähnlichen Ergebnissen gekommen, auch wenn die Mobilität
in den USA wesentlich höher ist als in der EU.
Einige Gründe erklären den Rückgang
der innereuropäischen Mobilität über die
letzten dreißig Jahre:
-
Die südlichen Regionen, die in
den frühen Nachkriegsjahren von ernsten wirtschaftlichen
und sozialen Problemen betroffen waren, haben seitdem
bei der Reduzierung der Kluft zu ihren wohlhabenderen
europäischen Partnern spektakuläre Fortschritte
erzielt. Heute bieten sie ihren Bürgern einen ziemlich
hohen Lebensstandart und ein hohes Niveau an sozialer
Fürsorge an.
-
Sprachbarrieren können eine abschreckende
Wirkung in Bezug auf die grenzüberschreitende Mobilität
haben. 47% der Europäer geben an nur ihre Muttersprache
zu beherrschen. Die Bereitschaft, Sprachbarrieren zu
überwinden, ist bei Männer stärker ausgeprägt
als bei Frauen, und sie steigt mit dem Bildungstand
und dem Einkommen kontinuierlich an, während sie
mit zunehmenden Alter abnimmt.
-
Die zunehmende Beteiligung der
Frauen am Arbeitsmarkt wird oft als ein weiterer Faktor
zur Reduzierung der geographischen Mobilität angesehen,
da Umziehen häufig bedeutet, dass zwei Personen
mit verschiedenen beruflichen Karrieren jeweils eine
neue Beschäftigung finden müssen.
Zahlen: Eurostat 2002