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Europas Verfassung

Die künftige Verfassungsstruktur der EU

Die Europäische Union gibt sich eine Verfassung. Doch bleiben viele Fragen spannend. Wie funktioniert eine Demokratie von 500 Mio. Menschen, die über 40 verschiedene Sprachen sprechen? Welche Werte und Interessen teilen die Europäer? Wie lassen sich zugleich europäische Handlungsfähigkeit und Eigenständigkeit der Mitgliedstaaten bewahren? Welche zentralen Aufgaben muss die Europäische Union in den kommenden Jahren anpacken? Können die großen wirtschaftlichen Unterschiede innerhalb der EU bewältigt werden? Gelingt die Erneuerung der sozialen Sicherungssysteme in den Mitgliedstaaten? Was ist künftig ein "Normalarbeitsverhältnis"? Wie lassen sich das europäische Wirtschaftsmodell und ökologische Nachhaltigkeit besser in Einklang bringen? Welche Rolle soll ein erweitertes Europa in der Welt spielen? Um diese Fragen wird es auch bei der Wahl zum Europäischen Parlament am 13. Juni 2004 gehen. (mehr)

Was bedeutet eigentlich "Europäische Integration"? (mehr)

Rückblick
Die Europäische Integration, die später zur Europäischen Union führte, begann nach dem Zweiten Weltkrieg. Nach Jahrhunderten, die immer wieder durch Kriege zwischen den europäischen Nationalstaaten gekennzeichnet waren, war es der sehnliche Wunsch der Europäer, in einem geeinten Europa in Frieden und Sicherheit, in Freiheit und Demokratie sowie in wirtschaftlichem Wohlstand zu leben. (mehr)

Akteure europäischer Politik
Ein kurzer Überblick über die wichtigsten EU-Organe, ihre Zusammensetzung und Aufgaben. (mehr)

Theorien und Leitbilder darüber, wo die "Reise hingehen soll"
Die Frage nach dem eigentlichen Ziel der Europäischen Integration ist fast so alt wie die EU/EG. Soll die Europäische Union einmal in einem Bundesstaat münden, oder soll das "letzte Wort" bei den Mitgliedstaaten verbleiben. Unterschiedliche Entwürfe zur Finalität Europas. (mehr)

Der Konvent zur Zukunft der Europäischen Union
Seit den Römischen Verträgen von 1957, in denen sich sechs Gründungsstaaten auf die Schaffung eines Gemeinsamen Marktes einigten, ist das EU-Vertragswerk zahlreiche Male reformiert worden. Die Wandelverfassung ist prägend für die Europäische Integration. (mehr)

Worum geht es beim Thema "Zukunft der EU"?
Europa braucht nun eine Verfassung, weil die europäische Ebene im Laufe der Zeit immer mehr Aufgaben übertragen bekommen hat und mit den anstehenden Erweiterungen um bis zu 13 neue Mitgliedstaaten, die Europäische Union bei einer bloßen Fortschreibung des bisherigen Systems wohl kaum noch handlungsfähig wäre. (mehr)

Was ist eine Verfassung?
Mit Ausnahme von Großbritannien verfügen alle EU-Mitgliedstaaten über eine geschriebene Verfassung, die Grundrechte der Bürger und die grundsätzliche Gewaltenteilung zwischen den einzelnen staatlichen Organen enthält. Manche Politiker vermeiden den Begriff "Verfassung" für die EU, weil sie deutlich machen wollen, dass er eigentlich für Nationalstaaten reserviert ist. (mehr)

 

 

Welche Rolle spielte der sogenannte "Konvent zur Zukunft Europas"?
Auf dem Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs im belgischen Schloss Laeken wurde im Dezember 2001 beschlossen, ein Gremium von 105 Vertretern der europäischen Gesellschaften, den sogenannten "Konvent", zu beauftragen, sich Gedanken über die künftige Gestalt der EU zu machen und einen Entwurf für einen Verfassungsvertrag zu erarbeiten. (mehr)

Was war der Auftrag des Konvents?
Es geht um die künftige Aufgabenverteilung in Europa, Europas Rolle in der Welt, die Grundrechte der Europäer und darum, die Europäische Union für ihre Bürger verständlicher und greifbar zu machen. Fragen, die die Europäische Integration schon lange begleiten – der Konvent sollte Lösungen erarbeiten. (mehr)

Hintergrundwissen zum EU-Konvent
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Der Europäische Jugendkonvent zur Zukunft der EU
210 Jugendliche haben im Juli 2002 in einem "Parallelkonvent" getagt und ihre Erwartungen formuliert. Ein wesentliches Ergebnis: Europa soll seine soziale Dimension stärken. (mehr)

Leitfragen für die künftige Entwicklung. (mehr)

Interview: Die Chancen des EU-Konvents
Claus Giering, Experte für EU-Reformen am Münchner Centrum für angewandte Politikforschung (C·A·P) nimmt zu den Aufgaben, Themen und Chancen des Konvents zur Reform der Europäischen Union Stellung. (mehr)

Licht und Schatten – eine Bilanz der Konventsergebnisse
Der schließlich Anfang Juli 2003 vom EU-Konvent erarbeitete Entwurf für einen Verfassungsvertrag enthält sowohl "Licht und Schatten". Als PDF-Download findet Ihr hier einen Kommentar von Jannis Emmanuelidis und Claus Giering, die die wichtigsten Ergebnisse zusammenfassen und bewerten. (mehr)

Provocation: Bundesstaat oder Freihandelszone?
Wird Europa einmal ein Bundesstaat werden oder im Gezänk der Mitgliedstaaten und angesichts schwindenden Vertrauens der Bürger zur Freihandelszone zurückschrumpfen? Hier finden sich zwei unterschiedliche Kurz-Szenarien zur künftigen Entwicklung Europas. (mehr)

Provocation: Teledirektdemokratie
Über eine Online-Stimmabgabe wird bereits seit den 1960er Jahren diskutiert. Das schließt nicht aus, dass sie unter anderen gesellschaftlichen Umständen nicht doch realisiert wird. Könnte das die demokratische Dimension Europas in der Zukunft stärken? (mehr)

Weiterführende Links
a) Allgemeine Informationen zur Europäischen Union
b) Die EU-Verfassungsdebatte zur Zukunft Europas

 

 

Provocation:
Bundesstaat oder Freihandelszone?

Bundesstaat oder Freihandelszone?
Wird Europa einmal ein Bundesstaat werden oder im Gezänk der Mitgliedstaaten und angesichts schwindenden Vertrauens der Bürger zurückschrumpfen? Nachfolgend findet Ihr zwei unterschiedliche Kurz-Szenarien zur künftigen Entwicklung Europas.

Szenario 1: Vertrauenskrise

Die zunehmende Entfremdung zwischen EU-Politik und Bürgern führt – angetrieben durch verschiedene Fälle von Politikversagen – zu einer elementaren Vertrauenskrise gegenüber der EU.

Aufgrund der Selbstverständlichkeit von Frieden und Bewegungsfreiheit lassen sich die Vorteile der europäischen Integration nur noch schwer vermitteln; die Vorschläge des Konvents für einen europäischen Verfassungsvertrag versanden; die Regierungskonferenz 2003/04 kapituliert vor der Vielzahl und Widersprüchlichkeit der Ansprüche der EU-Mitgliedstaaten; letztlich kommt es zu einer Minimalreform nach dem Strickmuster der traditionellen Gipfeldiplomatie. Gleichzeitig wird die Erweiterung zügig vorangetrieben; die wirtschaftlichen Unterschiede und Verteilungskämpfe nehmen zu. Im Ergebnis sind die Akteure europäischer Politik unfähig, das System auf neue Integrationsstufe zu heben, um auf die veränderte Situation eines größeren und vielfältigeren Europas zu reagieren.

Die Wahlbeteiligung 2004 und 2009 sinkt noch im Vergleich zur Wahl 1999 auf durchschnittlich weniger als 30 Prozent. Ein zunehmender Regionalismus und ‚Narzismus der kleinen Unterschiede’ in den Mitgliedstaaten und eine nach wie vor begrenzte Mobilität der EU-Bürger (lediglich 2 Prozent leben in einem anderen Mitgliedstaat) prägen das Bild. Die Dominanz nationaler Entscheidungskalküle im EU-Entscheidungsprozess nimmt zu. Die Überwindung der jahrzehntelangen Trennung von West- und Osteuropa kann nicht überwunden werden – zu groß sind die wirtschaftlichen Unterschiede und Mentalitäten.

So gewinnt in den wohlhabenderen Mitgliedstaaten die Debatte um die Kosten der Mitgliedschaft an Schärfe; in den wirtschaftlich schwächeren neuen Mitgliedstaaten rücken Bürokratismus und Überregulierung der europäischen Politik in den Fokus der öffentlichen Debatte und werden gegen den Integrationsprozess ins Feld geführt. Viele Stimmen in den Ländern Mittel- und Osteuropas, und prangern den "Aufkauf ihres Landes" durch westliche Investoren an. Den einen "zu teuer", den anderen "zu ungerecht", gewinnen in allen Ländern der EU (neue) rechtspopulistische Parteien und ‚Anti’-NGOs als ‚Gegenentwürfe’ zu Europa an Einfluss.

Ein dramatischer Lebensmittelskandal (größer als die BSE-Krise am Anfang des Jahrhunderts) wird von den Medien hochstilisiert und dem Versagen europäischer Politik zugeschrieben. Es kommt zu einem Aufruf zahlreicher Gruppierungen und neuer Koalitionen zum Wahlboykott der EP-Wahl 2014; im selben Jahr findet in der Slowakei ein Referendum über den Austritt des Landes aus der EU statt.

Szenario 2: Bundesstaat Europa

Die wachsenden Informationsangebote und die zunehmende Transparenz der EU-Organe führen zu einer intensiveren öffentlichen Auseinandersetzung mit europäischen Themen; die Mobilität im Binnenmarkt nimmt nicht zuletzt aufgrund Veränderungen der Lebensentwürfe der Europäer und am Arbeitsmarkt deutlich zu. Ende 2004 fand die Regierungskonferenz mit der weitgehenden Annahme des Verfassungsentwurfes des EU-Konvents zur Zukunft Europas für einen Verfassungsvertrag auf einem historischen Gipfel der EU-Staats- und Regierungschefs ihren Abschluss.

Das politische System der EU wird einem Zweikammersystem angeglichen, in dem EP und Rat in allen Fragen gleichberechtigt entscheiden, und die Kommission wird künftig aus dem EP heraus gewählt; die Gleichheit der Mitgliedstaaten wird in Richtung der Gleichheit der Bürger verändert, u.a. durch die Annahme des Vorschlags des EP, europäische Parteien und ein einheitliches Wahlsystem zu verwirklichen; 2009 wird nach eindrucksvollem Wahlkampf die neue Kommissionspräsidentin vom EP gewählt und vom Rat bestätigt.

Die enge Vernetzung der europäischen Gesellschaften wird von breiten Teilen der EU-Bevölkerung wahrgenommen; es bildet sich eine europäisierte Medienlandschaft heraus – der europäische Nachrichtensender Euronews entwickelt sich bis 2009 zur Nummer Eins bei den Abendnachrichten, noch vor den nationalen Sendungen. Zunehmende äußere Herausforderungen stärken das Bewusstsein für die ‚europäische Schicksalsgemeinschaft’ und die Bereitschaft zu weitergehenden Integrationsschritten. Vielfältige Initiativen – etwa im Umweltbereich – sowie grenzüberschreitende Kooperationen von Regionen und Gemeinden tragen zu einer Europäisierung von unten bei. Europa findet auch in der weltpolitischen Arena zu einer gemeinsamen Stimme.

Die EU-Bürger erwarten sich von der EU ein Gegengewicht zur USA, die ihre unilaterale Vormachtspolitik in der zweiten Amtszeit von G.W. Bush auf die Spitze getrieben hat. Umwelt- und Lebensmittelkrisen werden als interne Herausforderungen begriffen und die zuständigen Behörden/Köpfe zur Verantwortung gezogen. Die Zahl der Mitgliedstaaten beträgt im Jahr 2015 29. Zwar konnte die Türkei schließlich 2013 nach zähen Verhandlungen aufgenommen werden – gleichzeitig mit Kroatien. Die Verhandlungen mit weiteren Bewerberländern vollziehen sich jedoch schleppend und verzögern sich immer wieder. Auch wenn die Menschen und Politiker es nicht so nennen, die Europäische Union ist dabei, zu einem Bundesstaat zu werden.


© 2004
Zuletzt aktualisiert: 05.07.2004