Provocation: Teledemokratie?
Über eine Online-Stimmabgabe wird bereits seit
den 1960er Jahren diskutiert. Das schließt nicht aus,
dass sie unter anderen gesellschaftlichen Umständen
nicht doch realisiert wird. Könnte das die demokratische
Dimension Europas in der Zukunft stärken?
Das 20.Jahrhundert - vergiss es! War das früher ein
Gejammer: Einmal in vier oder fünf Jahren durfte der
verehrte Wahlbürger, die verehrte Wahlbürgerin
seine oder ihre Stimme abgeben und dann hatte er
oder sie die Stimme buchstäblich weg- und abgegeben,
konnte sie nicht mehr zurückfordern und egal, was die
Regierung veranstaltete, die Oberindianer waren fein raus
bis zur nächsten Wahl. Kein Wunder, damals im 20.Jahhundert
trödelte das Leben, auch das politische, noch gemächlich
vor sich hin, in vier, fünf Jahren passierte nicht
allzu viel, es sei denn, es brach ein Krieg oder eine Krise
aus, Fußball war interessanter. Aber selbst Kriege
und Krisen brauchten meist mehrere Jahre, um richtig fett
zu werden, und manches Reförmchen köchelte ein
gutes Jahrzehnt vor sich hin, bis die Suppe endgültig
eingetrocknet war und sie niemand mehr auslöffeln brauchte.
(...)
Das Netz zum Glück....Erst das Netz hat die Demokratie
auf den Marktplatz (antik: Forum) zurückgebracht: Jede
Meinung kann auf dem Cyber-Forum zirkulieren, und egal,
worum es geht, das einfache Handmehr genügt: angeklickt
und Stimme abgeschickt. (...)
Wie funktioniert das? Jeden Tag legen PolGrups (politische
Gruppierungen, die Nachfolgeorganisationen der Parteien),
Denkfabriken und Politiker neue Gesetz- und Verordnungsentwürfe
im Netz aus. Keiner kann sagen, er oder sie hätte von
nichts gewusst. Wer es sehr ernst nimmt, sollte schon ein
Stündchen pro Tag fürs Lesen opfern. Oder sich
einen Intelligenten Agenten maßschneidern lassen,
der herausfiltert, was für einen wirklich wichtig ist.
Bleibt meist nicht viel übrig. Fünf Tage lang
wird Pro und Contra verhackstückt, es wird angebaggert
und gestänkert, dann heißt es, Ring frei zur
ersten Runde. Du gibst deine Stimme ab, aber erst einmal
Probeweise, nur um zu sehen, wie die anderen anklicken.
Einige regen sich dann immer über das Ergebnis auf,
aber das gehört zur richtigen Demokratie. Wenn wir
alle einer Meinung wären, müssten wir ja gar nicht
abstimmen, nicht wahr?
Jetzt wirds offiziell! Nach den nächsten fünf
Tagen schlägt der Gong für die zweite Runde. Dieses
mal gehts ums Ganze. Und jetzt heißt es: angeklickt
ist angeklickt. Wer danach noch unzufrieden ist, kann höchstens
ein Gegengesetz austüfteln, das die Entscheidung rückgängig
macht, und es ins Netz stellen. Aber besser, du wartest
ein paar Wochen damit, denn so schnell ist das Hickhack
um das alte Gesetz nicht vergessen.
Mal im Ernst: Teledirektdemokratie ist eine feine Sache,
und unsere Vorvorderen haben sich schon etwas dabei gedacht,
als sie es ausheckten. Schon in der drögen alten Zeit
konnte man Politiklüngel kaum mehr unterscheiden, die
sogenannten Parteien, auch wenn sie eine Menge von Coporate
Design begriffen hatten und sich jede in einer anderen Regenbogenfarbe
anpinselte und sie alle so taten, als könnten sie nicht
miteinander in der selben Kantine essen. Schon damals richtete
sich die Regierung nicht nach der Stimmung im Lande. Die
aber ließen sie sich ganz unprofessionell und ohne
Netz zusammentragen. (...)"
Aus:
Angela Steinmüller, Karlheinz Steinmüller,
Visionen 1900 2000 2100 Eine Chronik der Zukunft
ISBN 3-8077-0198-2, 1999, S. 391 f..
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