Provocation: Das Türkenproblem?
"(...)
1. Die EU hat bisher nicht riskiert, ihre Grenzen im Osten,
im Südosten und Süden zu definieren. Im Norden
und Westen gibt es keine Probleme, doch im Süden müsste
klargestellt werden, dass weder die maghrebinischen Staaten
noch der Nahe Osten und Israel zu Europa gehören. Die
Hauptprobleme tun sich im Osten und Südosten auf. Die
Ukraine, Weißrussland und Russland sollten zwar an
Europa gebunden, ihre Stabilisierung nach Kräften unterstützt
werden. Sie sind indes kein Teil Europas und gehören
deshalb nicht in die EU. Sie haben Europa zwar manchmal
massiv beeinflusst, aber die jüdisch-griechisch-römische
Antike, die protestantische Reformation und die Renaissance,
die Aufklärung und die Wissenschaftsrevolution haben
diese Länder nicht geprägt. Diese Einwände
gegen einen EU-Beitritt stechen noch mehr, wenn es um die
Türkei geht.
2. Das muslimische Osmanenreich hat rund 450 Jahre lang
gegen das christliche Europa nahezu unablässig Krieg
geführt; einmal standen seine Heere sogar vor den Toren
Wiens. Das ist im Kollektivgedächtnis der europäischen
Völker, aber auch der Türkei tief verankert. Es
spricht darum nichts dafür, eine solche Inkarnation
der Gegnerschaft in die EU aufzunehmen. Das mag man noch
als Vorurteil eines Historikers abtun. Doch ändert
das nichts an dem Tatbestand, dass eine politische Union
über Kulturgrenzen hinweg noch nie und nirgendwo Bestand
gehabt hat. Überdies ist die Häme, mit der jetzt
gegen den "christlichen Klub" der EU polemisiert
wird, ein Zeichen bestürzender Ignoranz, was 2000-jährige
Traditionen und die Tatsache angeht, dass die christlichen
Konfessionen und Amtskirchen in Europa noch immer große
Mächte des öffentlichen und privaten Lebens sind.
3. Warum sollte heutzutage ein muslimischer, von der fundamentalistischen
Welle einer erkennbaren Mehrheit bedrohter Staat zu Europa
hinzustoßen, das nun einmal durch seine völlig
anderen Traditionen geprägt ist? In der Bundesrepublik
werfen 32 000 in radikalen Organisationen vereinigte türkische
Muslime bereits hinreichend Probleme auf. Das Konfliktniveau
im Inneren würde unvermeidbar angehoben. Ist das Menetekel
des 11. September schon vergessen?
4. Warum sollte, da nach europäischen Kriterien rund
30 Prozent des türkischen Arbeitskräftepotenzials
als arbeitslos gelten, einem anatolischen Millionenheer
die Freizügigkeit in die EU eröffnet werden? Überall
in Europa erweisen sich muslimische Minderheiten als nicht
assimilierbar und igeln sich in ihrer Subkultur ein. Auch
die Bundesrepublik hat bekanntlich kein Ausländer-,
sondern ausschließlich ein Türkenproblem. Man
kann nur durch die strikte Verpflichtung zum Sprachunterricht,
zum Sprachtest vor der Einschulung, zum regelmäßigen
Schulbesuch, zur Bindung der Staatsbürgerrechte an
ein Examen (wie etwa in Holland) die starre Minderheitenlage
allmählich auflockern. Aber warum sollte man diese
Diaspora millionenfach freiwillig vermehren und damit die
bisher willige Bereitschaft zum Zusammenleben einer extremen
Belastungsprobe aussetzen? Die Zahl von 67 Millionen Türken
(zur Zeit der Republikgründung waren es noch 12 Millionen),
die sich aufgrund der demografischen Explosion mit einem
Zuwachs von etwa 2,4 Prozent pro Jahr dramatisch weiter
erhöht, übertrifft bereits die Anzahl der europäischen
Protestanten. Im Fall eines Beitritts um 2012/14 stellten
90 Millionen Türken die größte Bevölkerung
eines EU-Mitgliedstaates. Das könnte den Anspruch auf
finanzielle Sonderleistungen und eine politische Führungsrolle
begründen. (...)"
Quelle: Die
ZEIT, im Internet
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