Provocation:
Der Mond unter den Füßen
"Die Frage, ob die Türkei zu Europa gehört,
eignet sich nicht für eine Quizsendung. Es geht nämlich
nicht um eine Frage des Wissens, sondern um eine Frage des
Wollens. Die Antwort auf die Frage ergibt sich also nicht
aus der Zahl von Quadratmetern, die diesseits oder jenseits
des Bosporus liegen. Die Antwort findet man auch nicht auf
den Schlachtfeldern, auf denen sich drei Jahrhunderte lang
Kaiser und Könige, Sultane und Großwesire gegenüberstanden.
Man findet die Antwort also nicht bei Lepanto, nicht auf
dem Kahlenberg bei Wien, nicht bei Peterwardein. Man findet
sie nicht in den freundlichen Verträgen zwischen dem
französischen König Franz I. und Süleiman
dem Prächtigen. Man findet sie nicht in der berühmten
Chronik "Gesta Francorum", in der Anfang des 12.
Jahrhunderts ein Ritter die These von der gemeinsamen Abstammung
der Türken, Franken und Römer von den Trojanern
entwickelte. (...)
Gehört die Türkei zu Europa? Europa ist mehr
als das, was war. Europa ist das, was die Europäer
daraus zu machen verstehen. Die Türkei ist eine große
Chance für die Europäische Union: Die Türkei
ist das Land zwischen den Kulturen, das Land, das Europa
geopolitisch neue Horizonte öffnet. Die EU darf nicht
das Finale der europäischen Geschichte sein, sondern
ihr neuer Anfang. Ob die Türkei europäisch ist
oder nicht das entscheidet die Haltung der EU zur
Türkei. Diese Türkei hat nur zwei Wege: den westeuropäischen
oder den islamistischen. Akin Birdal, der türkische
Bürgerrechtler, sagt: "Ich weiß, welchen
ich gehen will." Die EU sollte es auch wissen. Die
Türkei ist ein Brückenland, ein Land zwischen
den Kontinenten, die Synthese aus europäisch-christlicher
und nahöstlich islamischer Kultur. Es ist das einzige
Land der Region, das eine zuverlässige, am Westen orientierte
Außenpolitik betreibt, es ist das einzige Land der
Region mit einer laizistischen und demokratischen Staatsform.
Es ist das Land, durch das Europas Öl fließt.
Es ist das Land, dessen Auswanderer die größte
Minderheit in Westeuropa bilden. Es ist das Land, in dem
der Dialog zwischen Christentum und Islam am aussichtsreichsten
geführt werden kann. Keine Stadt der Welt ist dafür
so gut geeignet wie Istanbul. Der Islam ist schon jetzt
die drittgrößte Religion in Westeuropa.
Es gibt noch immer katholische Bischöfe, die über
den Islam und die Türkei so reden, als lebten sie im
16. Jahrhundert. Der österreichische Oberhirt Kurt
Krenn tut so, als stünde Europa angesichts des Beitrittsbegehrens
aus Ankara vor der dritten Belagerung Wiens. Es gibt klügere,
weitsichtigere Kirchenmänner. Der alte Wiener Kardinal
Franz König gehört zu ihnen. Schon vor sechs Jahren
hat er in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung
betont, wie tief die Türkei und der Islam hineinragen
"in die Geschichte dessen, was wir Europa nennen"
- so dass wir das "unmöglich ausschließen
können ". König warb schlicht und eindringlich
für die Aufnahme der Türkei in die EU: "Christentum
und Islam, Europa und Türkei müssen miteinander
leben, nicht nebeneinander." (...)"
Quelle: Süddeutsche
Zeitung im Internet
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