Provocation:
Das Paradies-Paradox
"Keine Rezession, kein Wirtschaftssystem, sei es kapitalistisch,
sozialistisch oder kommunistisch, wird die Notwendigkeit
aus der Welt schaffen, dass Menschen arbeiten, das heißt,
sich als Menschen reproduzieren, sich Nahrung beschaffen,
Kinder aufziehen und sich ein Dach über dem Kopf bauen
müssen.
Was uns dagegen tatsächlich ausgeht, ist die Lohnerwerbsarbeit.
Das sind diejenigen Arbeitsplätze, auf denen der gesamte
Sozialstaat ruht: renten-, sozial- und krankenversicherungspflichtig,
kontinuierlich, mit dem Arbeitgeber auf der einen, dem Arbeitnehmer
auf der anderen Seite.

Wie es der Wirtschaftsnobelpreisträger Wassily Leontief
in seinem Paradies-Paradox ausdrückte, versuchen die
Menschen seit der Vertreibung aus dem Garten Eden, sich
ins Paradies zurückzuarbeiten, indem sie ihre Produktivität
steigern, um immer weniger arbeiten zu müssen. Mehr
Kapital wird eingesetzt, hauptsächlich in Form von
Maschinen, die den Menschen die Aufgaben abnehmen.
Theoretisch wäre irgendwann der Punkt erreicht, an
dem fast die gesamte Wertschöpfung ohne Arbeitskraft
erwirtschaftet werden kann. Und die Entwicklung in den Industrieländern
seit der Industrialisierung läuft in der Tat in genau
diese Richtung.
In Deutschland etwa hat sich die Arbeitsproduktivität
seit 1960 fast verdreifacht, das heißt, dass mit einer
Stunde Arbeit heute etwa dreimal so viel Wert geschöpft
wird, wie vor 40 Jahren."
Aus: Matthias Spielkamp,
Wege in die Zukunft:
Grundeinkommen,
in brandeins, Ausgabe 10/2001,
Auch im Internet
|