Provocation:
Wachstum ohne Entwicklung?
Eine fiktive Wahlrede des Fraktionsvorsitzenden der
"Partei des neuen Weges" im Jahr 2009
Sehr verehrte Beschäftigte und Arbeitlose,
Arbeit im Sinne von Erwerbsarbeit steht immer noch im Mittelpunkt
unseres gesellschaftlichen Wertesystems. Andere, sozial
ebenso notwendige Tätigkeiten - wie etwa die Erziehung
von Kindern, Hausarbeit, Betreuung, soziales Engagement
aber auch Spiel - finden demgegenüber deutlich geringere
gesellschaftliche und materielle Anerkennung.
Es scheint, ob eine Tätigkeit als Arbeit im gesellschaftlich
anerkannten Sinn betrachtet wird, entscheidet sich nicht
daran, ob sie notwendig ist, sondern ob sie ein Produkt
hervorbringt. Und als Produkt gilt, was verkauft werden
kann.
Die in der überwiegenden Zahl der EU-Mitgliedstaaten
bereits lange anhaltende hohe Arbeitslosigkeit, aber auch
die Prognosen für die Zukunft lassen vermuten, dass
eine Rückkehr zur gewohnten Vollbeschäftigung
mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr allein durch
Wirtschaftswachstum zu erreichen ist.
So ging etwa die Arbeitslosenquote in Deutschland auch
selbst in ausgesprochenen Wachstumsphasen, etwa Ende der
80er Jahre, nicht auf ein annehmbares Maß zurück.
Im Gegenteil: Die Aussicht auf einen Wirtschaftsaufschwung
bei anhaltender "Sockelarbeitslosigkeit wird
immer realistischer. Das liegt an der kontinuierlichen Produktivitätssteigerung
der Arbeit, den zunehmenden Anforderungen an die berufliche
Qualifikation der Erwerbstätigen und zum Teil auch
an der Internationalisierung der Produktion.
Immer bessere Produktionsmethoden, höhere intellektuelle
und geographische Flexibilität der Arbeitnehmerinnen
und Arbeitnehmer und Kostenvorteile bei Verschiebung der
Produktionsstandorte ins Ausland machen es möglich,
eine ständig wachsende Menge von Gütern und Dienstleistungen
hervorzubringen.
Bereits heute übersteigt jedoch diese Fülle an
Gütern und Dienstleistungen die Aufnahmefähigkeit
der Konsumentinnen und Konsumenten in den Industrieländern.
Zudem sind die Grenzen der Belastbarkeit der Umwelt weltweit
erreicht, zum Teil sogar bereits überschritten. So
wird es immer fraglicher, ob eine Rückkehr zur Vollbeschäftigung
durch Wachstum, wie wir das aus den vergangenen Jahrzehnten
kennen, überhaupt wünschbar ist.
Rund zehn Prozent unserer jährlichen Wirtschaftsleistung
wird mit oder in der Werbung verdient. Jemanden zu überzeugen,
ein Produkt zu kaufen, ist jedoch noch keine Wertschöpfung!
Daneben wächst der Anteil von Umweltkosten und anderen
externen Kosten am Bruttosozialprodukt.
So schätzt die EU-Kommission, dass die externen Kosten
des Straßenverkehrs inzwischen 3-4 Prozent des gesamten
EU-Bruttosozialprodukts ausmachen Und der Witz ist, dass
wir diese Kosten sogar noch zu unserer Wirtschaftsleistung
hinzurechnen steigende Umweltschäden, steigendes
Wirtschaftswachstum! Wenn uns das nicht zum Nachdenken anregen
sollte!
Danke für Ihre Aufmerksamkeit!
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