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Arbeit, Soziales & Bildung

Länger leben, weniger Kinder - strukturelle Veränderungen der europäischen Gesellschaften

Im Vergleich zu den Bevölkerungsproblemen der übrigen Welt nehmen sich die Herausforderungen in Europa geradezu harmlos aus. Derzeit leben auf der Erde knapp 6 Milliarden Menschen, 2020 werden es wohl zwischen sieben und acht Milliarden sein. Neunzig Prozent dieses Zuwachses entfallen auf die Entwicklungsländer.
Wie in allen Industriestaaten kommt es in Europa zu einer Alterung der Gesellschaft. Die Lebenserwartung in der Europäischen Union liegt gegenwärtig bei 81 Jahren für Frauen und 75 Jahren für Männer. Da die Lebenserwartung so hoch ist wie nie zuvor, die Zahl der je Frau zu erwartenden Geburten hingegen einen historischen Tiefstand erreicht hat (1,4 im EU-Durchschnitt), bewegen wir uns auf eine Situation zu, die in der Geschichte ohne Beispiel ist: eine Umkehrung des Verhältnisses zwischen Jungen und Alten. Der Schriftsteller Umberto Eco hat bereits auf die Auswirkungen hingewiesen, wenn der Trend zur Ein-Kind-Ehe anhalten sollte: es wird keine Tanten und Neffen mehr geben.
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Provocation: Die Goldies übernehmen
Eine unmerkliche Invasion ist im Gange: Die Goldies übernehmen. Längst haben sie die Einkaufspassagen besetzt, die Urlaubsparadiese in Übersee und die Freizeitparks. Längst haben sich die Automobilindustrie und die Gesundheitsbranche auf sie eingestellt. Zunehmend richten sich auch die Universitäten auf sie ein – und für die Politiker sind sie wahlentscheidend. Goldige Aussichten. (mehr)

Leitfragen für die künftige Entwicklung
Werden wir länger arbeiten müssen? Werden die Kosten der Gesundheits- und Rentensysteme explodieren? Wie werden sich Inhalte und Machtgleichgewichte in der Politik verändern, wenn die Hälfte der Wählerschaft über 50 Jahre alt ist? (mehr)

 

Überalterung der Bevölkerung?
Im Jahr 2000 gab es in der EU 61 Millionen Menschen im Alter von 65 Jahren oder älter gegenüber nur 34 Millionen im Jahr 1960. Während etwa 1980 in Deutschland noch 535 Menschen ihren 100. Geburtstag gefeiert haben, waren es 1998 bereits 2501 Menschen. Auch die Gruppe derer, die ihren 110. Geburtstag feiern können, ist seit den "ersten Fällen" in den 60er Jahren deutlich angestiegen. Alt werden will jeder, alt sein jedoch keiner. Perspektiven auf Werte und Auswirkungen des "Silver Age": Reife wird zu einem Megatrend! (mehr)

Interview: Die "überalterte Gesellschaft"
Die deutsche Bevölkerung altert und schrumpft. Pro Jahr verliert das Land 200.000 Einwohner, da mehr Menschen sterben, als geboren werden. Gleichzeitig steigt das Durchschnittsalter. 2040 wird die Hälfte der Deutschen über 50 Jahre alt sein. Immer weniger Erwerbstätige werden dann immer höhere Sozialbeiträge zahlen müssen, um die Sozialsysteme zu erhalten. – ein Streitgespräch mit Jürgen Turek, Geschäftsführer des Centrums für angewandte Politikforschung, der Gesundheitsexpertin Marianne Koch und dem Münchner Oberbürgermeister Christian Ude. (mehr)

Weiterführende Links
Wandel der Bevölkerungsstrukturen

 

Überalterung der Gesellschaft

Im Jahr 2000 gab es in der EU 61 Millionen Menschen im Alter von 65 Jahren oder älter gegenüber nur 34 Millionen im Jahr 1960. Heute stellen die älteren Menschen 16% der Gesamtbevölkerung bzw. 24% der Gruppe, die als Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter bezeichnet wird (15-64 Jahre).

Bis zum Jahr 2010 wird mit einem Aufstieg dieser Quote auf 27% gerechnet. In den nächsten fünfzehn Jahren wird der Anteil der "sehr Alten" (80 Jahre und darüber) um fast 50% zunehmen. Laut einer Studie des Rostocker Max-Planck-Instituts von 2002 soll mehr als die Hälfte der heute in Deutschland geborenen Mädchen und fast jeder dritte Junge mindestens 100 Jahre alt werden.

Während 1980 in Deutschland noch 535 Menschen ihren 100. Geburtstag gefeiert haben, waren es 1998 bereits 2501 Menschen. Auch die Gruppe derer, die ihren 110. Geburtstag feiern können, ist seit den "ersten Fällen" in den 60er Jahren deutlich angestiegen.

Die steigende Lebenserwartung bringt aber auch Probleme mit sich. Die Sozialausgaben klettern immer weiter in die Höhe. Denn nach wie vor gilt: Mit dem Alter kommen die Gebrechen. Die Auswirkungen einer immer älteren Bevölkerung werden vielfältig sein und sich unter anderem auch auf die Rentensysteme, die Werbung, den Einfluss der älteren Wählergruppen, die Lebensarbeitsdauer, etc. auswirken.

Zahlen: Eurostat 2002
Max-Planck-Institut

In einem Essay hat das Kelkheimer Zukunftsinstitut über die gesellschaftlichen Folgen einer immer älteren Bevölkerung nachgedacht: Häufig wird dieser Trend als "Überalterung" bezeichnet.

Das Vorwort "Über" steht in der Regel für ein "zuviel des Guten". Im Fall der Überalterung kommt, so der Autor der Studie, Andreas Giger, jedoch erschwerend dazu, dass auch der zweite Wortbestandteil keinen guten Ruf genießt. Denn: alt werden wollen alle, alt sein will niemand.

Die Aussichten auf die alternde Gesellschaft sind düster und grau, die dafür gemalten Szenarien wirken gespenstisch. Während heute im Schnitt noch vier Personen im Erwerbsalter auf eine Person im Rentenalter (über 65) kommen, werden es im Jahr 2035 nur noch rund zwei sein.

Rentenlöcher, Aufkündigung des Generationenvertrages, erdrückende Pflegelasten, eine verkalkende Gesellschaft, der die innovativen Impulse fehlen und Gerontokratie, also einer Herrschaft der Greise, die starrsinnig auf Kosten der nachdrückenden Generationen an ihren Privilegien festhalten, sind die dazugehörigen Bilder.

Diese Situation einer Bevölkerungsstruktur, in der die älteren Jahrgänge zahlenmäßig dominieren, ist historisch völlig neu und einmalig. Die Benennung dieser Periode als "Silver Age" scheint schon allein dadurch gerechtfertigt.

Wenn man die Fakten nicht ändern kann, ändert man ihre Interpretation: Das Gespenst der Überalterung werden wir nur los werden, so Giger, wenn wir die bisherige vorwiegend negative Bewertung der Tatsache des Älterwerdens loswerden. Älter werden müsse attraktiver werden.

Die positive Neudeutung des unvermeidlichen Phänomens des Älterwerdens ist ein vorhersagbarer Megatrend auf individueller wie kollektiver Ebene. Im Mittelpunkt der Neuinterpretation steht ein magisches Wort: "Reife". Die Vorstellung von Reifung als Richtung des Lebens-Wandels befriedigt das Bedürfnis nach sinnvoller Orientierung und ist als Konzept offen genug, um individuell variiert und konkretisiert werden zu können.

Übrigens: Nicht nur einzelne Menschen können reifen, sondern auch Gesellschaften, Märkte oder Marken. Reife wird so langsam aber stetig zum vorherrschenden Lebensgefühl des 21. Jahrhunderts heranreifen und zu einem umfassenden Megatrend mit vielfältigen Konsequenzen für Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft werden.

© 2004
Zuletzt aktualisiert: 05.07.2004