Überalterung der Gesellschaft
Im Jahr 2000 gab es in der EU 61 Millionen Menschen im
Alter von 65 Jahren oder älter gegenüber nur 34
Millionen im Jahr 1960. Heute stellen die älteren Menschen
16% der Gesamtbevölkerung bzw. 24% der Gruppe, die
als Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter bezeichnet
wird (15-64 Jahre).
Bis zum Jahr 2010 wird mit einem Aufstieg dieser Quote
auf 27% gerechnet. In den nächsten fünfzehn Jahren
wird der Anteil der "sehr Alten" (80 Jahre und
darüber) um fast 50% zunehmen. Laut einer Studie des
Rostocker Max-Planck-Instituts von 2002 soll mehr als die
Hälfte der heute in Deutschland geborenen Mädchen
und fast jeder dritte Junge mindestens 100 Jahre alt werden.
Während 1980 in Deutschland noch 535 Menschen ihren
100. Geburtstag gefeiert haben, waren es 1998 bereits 2501
Menschen. Auch die Gruppe derer, die ihren 110. Geburtstag
feiern können, ist seit den "ersten Fällen"
in den 60er Jahren deutlich angestiegen.
Die steigende Lebenserwartung bringt aber auch Probleme
mit sich. Die Sozialausgaben klettern immer weiter in die
Höhe. Denn nach wie vor gilt: Mit dem Alter kommen
die Gebrechen. Die Auswirkungen einer immer älteren
Bevölkerung werden vielfältig sein und sich unter
anderem auch auf die Rentensysteme, die Werbung, den Einfluss
der älteren Wählergruppen, die Lebensarbeitsdauer,
etc. auswirken.
Zahlen: Eurostat 2002
Max-Planck-Institut

In einem Essay hat das Kelkheimer Zukunftsinstitut über
die gesellschaftlichen Folgen einer immer älteren Bevölkerung
nachgedacht: Häufig wird dieser Trend als "Überalterung"
bezeichnet.
Das Vorwort "Über" steht in der Regel für
ein "zuviel des Guten". Im Fall der Überalterung
kommt, so der Autor der Studie, Andreas Giger, jedoch erschwerend
dazu, dass auch der zweite Wortbestandteil keinen guten
Ruf genießt. Denn: alt werden wollen alle, alt sein
will niemand.
Die Aussichten auf die alternde Gesellschaft sind düster
und grau, die dafür gemalten Szenarien wirken gespenstisch.
Während heute im Schnitt noch vier Personen im Erwerbsalter
auf eine Person im Rentenalter (über 65) kommen, werden
es im Jahr 2035 nur noch rund zwei sein.
Rentenlöcher, Aufkündigung des Generationenvertrages,
erdrückende Pflegelasten, eine verkalkende Gesellschaft,
der die innovativen Impulse fehlen und Gerontokratie, also
einer Herrschaft der Greise, die starrsinnig auf Kosten
der nachdrückenden Generationen an ihren Privilegien
festhalten, sind die dazugehörigen Bilder.
Diese Situation einer Bevölkerungsstruktur, in der
die älteren Jahrgänge zahlenmäßig dominieren,
ist historisch völlig neu und einmalig. Die Benennung
dieser Periode als "Silver Age" scheint schon
allein dadurch gerechtfertigt.
Wenn man die Fakten nicht ändern kann, ändert
man ihre Interpretation: Das Gespenst der Überalterung
werden wir nur los werden, so Giger, wenn wir die bisherige
vorwiegend negative Bewertung der Tatsache des Älterwerdens
loswerden. Älter werden müsse attraktiver werden.
Die positive Neudeutung des unvermeidlichen Phänomens
des Älterwerdens ist ein vorhersagbarer Megatrend auf
individueller wie kollektiver Ebene. Im Mittelpunkt der
Neuinterpretation steht ein magisches Wort: "Reife".
Die Vorstellung von Reifung als Richtung des Lebens-Wandels
befriedigt das Bedürfnis nach sinnvoller Orientierung
und ist als Konzept offen genug, um individuell variiert
und konkretisiert werden zu können.
Übrigens: Nicht nur einzelne Menschen können
reifen, sondern auch Gesellschaften, Märkte oder Marken.
Reife wird so langsam aber stetig zum vorherrschenden Lebensgefühl
des 21. Jahrhunderts heranreifen und zu einem umfassenden
Megatrend mit vielfältigen Konsequenzen für Politik,
Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft werden.

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